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Schlaganfall – Arteriosklerose – Ischämie – Hirnblutung – Sprachstörung – Lähmung – Risikofaktoren

Schlaganfall –

Der Infarkt im Gehirn

Im Jahr 2007 sind in Deutschland knapp 27.000 Menschen1 am Schlaganfall und seinen Folgen gestorben. Bis zu 70 Prozent der überlebenden Betroffenen tragen bleibende Schäden wie Lähmungen oder Sprachstörungen davon. Doch Früherkennung und schnell einsetzende Therapien haben die Heilungschancen in den letzten Jahren deutlich verbessert.

Inhaltsverzeichnis

Das menschliche Gehirn leistet jeden Tag ein kaum vorstellbares Arbeitspensum.

Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Fühlen. Die Flut an Reizen aus unserer Umwelt verarbeiten. Abstrakte, logische Probleme lösen. Die Steuerung aller lebenserhaltenden Funktionen. Und nicht zuletzt: komplexe Empfindungen und ein ausgeprägtes Seelenleben:
Die Aufgaben, die unser Gehirn zu erledigen hat, sind schier unüberschaubar. Dazu benötigt es bis zu 25 Prozent der gesamten Energie, die unserem Organismus täglich zur Verfügung steht.

Hundert Milliarden Nervenzellen brauchen ständig ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe.
Ausgehend von den zwei großen Halsschlagadern (der linken und der rechten Arteria carotis) sowie zwei kleineren Arterien im Nackenbereich wird diese lebenswichtige Versorgung des Gehirns über ein fein verzweigtes Gefäßsystem gewährleistet.

Über ein fein verästeltes Gefäßsystem wird die Versorgung des Gehirns mit Sauerstoff und Nährstoffen gewährleistet.

Umso verständlicher sind die schweren Folgen, die ein Hirnschlag haben kann.
Denn medizinisch gesehen ist ein Schlaganfall die plötzliche Unterbrechung der Blutversorgung in Teilen des Gehirns. Steht den Nervenzellen nicht mehr ausreichend Sauerstoff zur Verfügung, beginnen sie nach wenigen Minuten abzusterben. Meistens entstehen dadurch lebensbedrohliche Situationen.

Häufigste Ursache des Schlaganfalls: verkalkte Adern

Ähnlich wie die Herzkranzgefäße können auch die Arterien des Gehirns „verkalken“ (Arteriosklerose). In 80 Prozent der Fälle sind verstopfte Adern Ursache für einen Schlaganfall. Die Verengung führt zu einem Sauerstoffmangel im Nervengewebe.
„Man spricht [bei dieser Art von Minderdurchblutung] von einem ischämischen Schlaganfall“, erklärt Professor Martin Dichgans vom Klinikum Großhadern der LMU in München.

Zu dieser lebensgefährlichen Blutleere kann es auf zwei Arten kommen.

• Schlaganfall durch einen Thrombus
Eine Arterie des Gehirns ist direkt von Arteriosklerose betroffen. Das heißt, in der Arterienwand lagern sich Fette (hauptsächlich LDL-Cholesterin) und andere Bestandteile des Blutes ab und bilden gefährliche Plaques. Im Laufe der Zeit können solche Plaques einreißen. Wie an einem Ast, der in einen Bach ragt, lagern sich an der geschädigten Stelle weitere feste Bestandteile aus dem Blut ab und bilden schließlich einen Thrombus: einen Pfropfen, der die Hirnarterie verschließt. Das Gewebe hinter dem Verschluss wird nicht mehr mit Blut versorgt und droht abzusterben. Die Nervenzellen büßen ihre Funktion ein.

• Schlaganfall durch eine Embolie
Arteriosklerose führt nicht immer an Ort und Stelle zu einem Verschluss. Abgelagertes Material kann sich auch anderswo von der Aderwand lösen und vom Blutstrom fortgespült werden.
Solche Blutgerinnsel entstehen häufig im Herzen oder an der Gabelung der großen Halsschlagader in die äußere und innere Karotis (Karotis-Bifurkation).
Von dort aus erreicht das Gerinnsel schnell die fein verästelten Arterien des Gehirns. Wie ein Korken verschließt es dort ein Gefäß. Der Verschluss durch ein angeschwemmtes Blutgerinnsel wird als Embolie bezeichnet. Die Folgen sind ähnlich denen der Verstopfung durch einen Thrombus.

In 80 Prozent der Fälle sind verkalkte Adern der Grund für einen Schlaganfall.

Ein Blutgerinnsel kann auch durch sogenanntes Vorhofflimmern ausgelöst werden. Es handelt sich um eine spezielle Art der Herzrhythmusstörung. Die Muskulatur der Vorhöfe des Herzens arbeitet dabei unregelmäßig. Das führt zu einem unnatürlichen Verwirbeln des Blutstroms in den Vorhöfen. In diesen Wirbeln können sich Gerinnsel bilden, die später ebenfalls das Gehirn erreichen und dort zu einem Aderverschluss führen. Gerinnsel aufgrund von Vorhofflimmern entstehen auch, wenn das Gefäßsystem nicht durch Arteriosklerose belastet ist.
Vorhofflimmern kann unter anderem durch eine koronare Herzkrankheit, Bluthochdruck, aber  auch durch anlagebedingte Herzklappenfehler ausgelöst werden.

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Schlaganfall durch Hirnblutung

Zu einem Schlaganfall kann es auch kommen, wenn Arterien im Gehirn platzen oder einreißen, die Folge: Hirnblutung. In diesem Fall liegt keine Minderdurchblutung des Gehirns vor. Vielmehr drückt das austretende Blut so stark auf die empfindlichen Nervenzellen, dass es hier ebenfalls zu großen Schädigungen kommt.
Arterien platzen oft, wenn sie – zum Beispiel durch arteriosklerotische Ablagerungen oder chronischen Bluthochdruck – bereits spröde und vorgeschädigt sind.

Die Symptome des Schlaganfalls

Die Symptome eines Hirnschlags können recht unterschiedlich sein. Das liegt daran, dass unser Gehirn die umfangreichen Leistungen, die es erbringen muss, durch Aufgabenteilung bewältigt und dass es hierzu in verschiedene Areale aufgeteilt ist. Besonders der Cortex, die Hülle des Großhirns, ist in Felder unterteilt, die jeweils bestimmte Aufgaben erfüllen. So werden im auditiven Cortex die akustischen Reize verarbeitet. Im motorischen Cortex werden Bewegungen gesteuert und geplant. Der visuelle Cortex setzt aus den Lichtreizen, die das Auge aufgenommen hat, die Bilder zusammen, die wir letztendlich wahrnehmen. Für Kälte-, Schmerz- oder Berührungsempfindung ist der sogenannte somatosensorische Cortex verantwortlich.

Je nachdem, in welchem Feld des Großhirns sich der Schlaganfall ereignet, sind entsprechende Körperfunktionen beeinträchtigt.

• Lähmungs- und Taubheitserscheinungen
Ist beispielsweise eine Ader verstopft, die einen Teil des motorischen Cortexes mit Blut versorgt, können Lähmungserscheinungen die Folge sein. Wenn die Steuerung der Gesichtsmuskulatur betroffen ist, zeigt sich das typischerweise durch einen herunterhängenden Mundwinkel.
Lähmungs- und Taubheitsgefühle können darüber hinaus auch in Armen und Beinen auftreten. Die Extremitäten fühlen sich dann oft pelzig an.  Meist ist aber nur eine Körperhälfte betroffen.

• Sehstörungen
Ein Schlaganfall zieht oft Sehstörungen nach sich, wenn Nervengewebe betroffen ist. das für das Sehen mitverantwortlich ist. Das Gesichtsfeld kann eingeschränkt sein. Betroffene nehmen häufig auf einer Körperseite keine visuellen Reize mehr wahr. So kann es vorkommen, dass Schlaganfallpatienten nur eine Hälfte ihre Tellers leer essen, weil sie die andere Hälfte schlichtweg nicht mehr wahrnehmen.  
Oft sieht ein Schlaganfall-Patient Gegenstände allerdings auch als überlappende Doppelbilder. Kurzzeitige Erblindung ist ebenfalls möglich.

• Sprach- und Sprechstörungen, Verständigung
Auch Sprache und Sprachverständnis können bei einem Schlaganfall in Mitleidenschaft gezogen werden. Silben werden vertauscht. Betroffene sprechen lallend oder verwaschen und können sich ihrer Umwelt nicht mehr mitteilen.
Es ist auch möglich, dass der Patient nach einem Schlaganfall nicht mehr lesen kann oder das gesprochene Wort seiner Mitmenschen nicht mehr versteht.

Darüber hinaus können starke Kopfschmerzen, Drehschwindel oder andere Koordinationsstörungen auftreten. Typisch sind auch plötzlich einsetzende Schluckbeschwerden.

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Das „Schlägle“ als wertvolle Warnung

All die genannten Symptome können auch nur für wenige Sekunden oder Minuten auftreten und genauso schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind.
Solch eine kurzzeitige Durchblutungsstörung bezeichnet man in der Medizin als transitorische ischämische Attacke, kurz: TIA. Das Gehirn leidet nur kurzfristig unter einer Durchblutungsstörung. Eine TIA gilt als Vorbote für einen Schlaganfall. Sie ist mit Angina-Pectoris-Beschwerden vergleichbar, die einen Herzinfarkt ankündigen können.
Auch wenn der süddeutsche Volksmund ihn etwas verharmlost, sollte so ein „Schlägle“ sehr ernst genommen werden. Die TIA gilt als medizinischer Notfall und kann doch eine wertvolle Warnung sein. Bei rechtzeitiger Behandlung kann man einem „ausgewachsenen“ Schlaganfall noch gerade rechtzeitig entgegenwirken.

Die Folgen eines Schlaganfalls

Bei einer kurzfristigen Durchblutungsstörung des Gehirns, wie im Falle einer TIA, klingen die Beschwerden meist innerhalb von wenigen Minuten wieder ab. Das unterscheidet sie von einem tatsächlichen Schlaganfall. Denn hier bleiben die Symptome länger als 24 Stunden bestehen.
Bis zu 70 Prozent der Betroffenen tragen langfristige Folgeschäden davon, die so drastisch sein können, dass der Mensch oft nicht mehr der ist, der er zuvor war.
Viele können eine Körperhälfte nicht mehr richtig bewegen und koordinieren. Sprechen und Lesen fällt vielfach schwer. Häufig leiden die Patienten unter Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.
Meistens ist eine monatelange Rehabilitation nötig, um die verlorenen Fähigkeiten neu zu erlernen. Ergotherapie und Krankengymnastik sowie Logopädie sind dabei die wichtigsten Bausteine der „Reha“.
Schwere Schlaganfälle, die Lähmungen oder andere Behinderungen verursacht haben, können den Betroffenen zum Pflegefall machen. Der Schlaganfall ist der häufigste Grund, der im Erwachsenenalter zur Pflegebedürftigkeit führt.

Zirka 20 Prozent aller Betroffenen überleben den ersten Monat nach einem Schlaganfall nicht.

Neben den körperlichen Beeinträchtigungen hat der Schlaganfall auch seelisch schwerwiegende Folgen – er führt dem Betroffenen sehr drastisch seine Verletzbarkeit vor Augen. Das löst Angst um das eigene Leben aus.
War der Schlaganfall so schwer, dass der Beruf nicht mehr ausgeübt werden kann, kommen Sorgen um die eigene Zukunft hinzu. Oft lösen die Beeinträchtigungen nach einem Schlaganfall Scham aus und treiben in die soziale Isolation. Viele Patienten haben beispielsweise mit Inkontinenz zu kämpfen. Bis zu 30 Prozent der Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, entwickeln eine Depression.

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Schlaganfall ist behandelbar und kein unabänderliches Schicksal

Erkenntnisse aus der Forschung: auch Nervengewebe eines erwachsenen Menschen kann sich - in gewissem Umfang - von einem Schlaganfall erholen.

Früher galt der Schlaganfall als ein Schicksalsschlag, dem man sich mit all seinen Folgen beugen musste. Oft wurde kaum eine Therapie versucht. Man war der Meinung, dass die Schäden, die ein Schlaganfall im Gehirn verursacht, irreparabel seien.
Doch besonders in den letzten zwei Jahrzehnten haben die Hirnforscher sehr viele neue Erkenntnisse gewonnen. Heute weiß man, dass sich auch im erwachsenen Gehirn neue Nervenverbindungen bilden, welche die Funktion von zerstörtem Gewebe ersatzweise übernehmen können.
Darüber hinaus hat man entdeckt, dass im Gehirn auch auf Zellebene Reparaturmechanismen ablaufen, die Schäden nach einem Schlaganfall mindern können.
Das heißt: unser Gehirn ist – in begrenztem Maße – zur Regeneration fähig. Wird dies mit  aktiven Rehabilitationsmaßnahmen rechtzeitig unterstützt, dann sind die Chancen, wenigstens den Großteil der ursprünglichen Fähigkeiten wiederzuerlangen, besser als man lange Zeit angenommen hat.

Beim Schlaganfall gilt: „Time is brain“

Der Schlaganfall ist besonders in seiner akuten Phase lebensbedrohlich. Das Gewebe des Gehirns reagiert auf Sauerstoffmangel noch empfindlicher als der Herzmuskel. Bei der Behandlung eines Schlaganfalls zählt also jede Sekunde. Es muss umgehend ein Notarzt verständigt werden. Intensive ärztliche Betreuung sollte allerspätestens drei Stunden nach dem Ereignis beginnen. Unter diesen Bedingungen stehen der Medizin wirkungsvolle Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. „Time is Brain: jede Minute zählt!“, unterstreicht Professor Dichgans. Denn jede Minute, die früher behandelt wird, kann weiteres Hirngewebe vor der irreversiblen Zerstörung retten.

In vielen Kliniken gibt es heute sogenannte stroke units, auf denen Schlaganfall-Patienten optimal versorgt werden können. Hier kann zum Beispiel die Lysetherapie durchgeführt werden, die die verstopfte Arterie wieder frei machen kann.

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Quellen:

1 Statistisches Bundesamt Fachserie 12 Reihe 4 Todesursachen in Deutschland (2007) Gestorbene in Deutschland an ausgewählten Todesursachen

2 Kompetenznetz Schlaganfall (http://www.kompetenznetz-schlaganfall.de/)

 

weitere Quellen:

Prof. Martin Dichgans

Reichert H (2000): Neurobiologie, Thieme Verlag, 2., neubearbeitete und erweiterte Auflage

www.herzberatung.de/schlaganfall

GFMK Ratgeber Schlaganfall & Aphasie

Stiftung Warentest Von Herzinfarkt bis Schlaganfall

Pritzel M, Brand M, Markowitsch HJ (2003): Gehirn und Verhalten, Spektrum Akademischer Verlag


Bilder: Shutterstock (1), iStock (2)

Animation: DOCMED.tv

Glossar

Arteriosklerose (Atherosklerose)
Umgangssprachlich „Arterienverkalkung“; Schädigung der Arterien durch Ablagerungen von Blutfetten, Blutpfropfen, Bindegewebe und Kalk in den Gefäßwänden

Cholesterin
Gruppe innerhalb der Blutfette. Cholesterine werden sowohl mit der Nahrung aufgenommen als auch im Körper gebildet. Diese Fette werden für den Transport im Körper an bestimmte Eiweiße gebunden, diese Verbindungen bezeichnet man dann als Lipoproteine. LDL-Cholesterin ist das sogenannte „schlechte Cholesterin“, weil es sich bei erhöhtem Cholesteringehalt im Blut an den Innenschichten der Gefäße ablagert. HDL-Cholesterin schützt die Gefäße vor Fettablagerungen und wird daher das „gute Cholesterin“ genannt.

Cortex
Auch Großhirnrinde, Unterteilung in strukturelle (Frontallappen, Parietallappen, Okzipitallappen und Temporallappen) und funktionelle ( u.a. Sensorik, Mototrik) Areale. Verantwortlich für höhere kognitive Leistungen.

Embolie
Verstopfung eines Gefäßes durch angeschwemmtes Material mit dem Blut

Ergotherapie
Therapieform, die Menschen mit eingeschränkter Handlungsfähigkeit hilft, den Alltag besser zu bewältigen

Ischämie
Blutleere oder Unterversorgung eines Gewebes mit Sauerstoff, worauf hin Zellen beginnen abzusterben

LDL-Cholesterin (low density lipoproteine)
Transportform von Blutfetten. Führt in hohen Konzentrationen im Blut zu Arteriosklerose.

Logopädie
Sprachheilkunde, Lehre der Sprachstörungen und der Heilung

Lysetherapie (Fibrinolyse, Thrombolyse)
Medikamentöse Auflösung zum Beispiel von Blutgerinnseln (Thromben).
Beispiel: Behandlung des Herzinfarkts; über eine Infusion werden Medikamente gegeben, die verklumpte Blutplättchen auflösen und so die Verstopfung in der Herzkranzarterie beheben. Medikamente: meist Streptokinase, Urokinase, tPA

Plaque
Flächiger Belag

Rehabilitation
In der Medizin: einenGesundheitsschaden beseitigen, mildern oder dessen Folgen beseitigen

Stroke Unit
Spezialisierte Notaufnahme für die akute Versorgung von Schlaganfallpatienten

Thrombus
Blutpfropf in einem Blutgefäß; ein Thrombus kann zum Gefäßverschluss führen.

Transitorische ischämische Attacke, TIA
Kurzzeitige Durchblutungsstörung von Teilen des Gehirns mit schlaganfallartigen Symptomen (Dauer < 24 h).