Die schleichende Gefahr
Dem Herzinfarkt, dem Schlaganfall oder auch einem Nierenversagen geht über viele Jahre meist eines voraus: Hypertonie, der Bluthochdruck! Das Tückische daran: Man nimmt diese lebensgefährliche Krankheit körperlich kaum oder gar nicht wahr – bis der Zusammenbruch wichtiger Organe Jahre später ein furioses Zeichen setzt.
Inhaltsverzeichnis
Bluthochdruck – medizinisch: Hypertonie – ist eine Volkskrankheit. Bei den Männern in Deutschland leiden zwischen 40 und 60 Prozent unter Bluthochdruck, bei den Frauen sind es zwischen 30 und 40 Prozent. Mit zunehmendem Alter steigt die Erkrankungshäufigkeit – tatsächlich weist ab dem 50. Lebensjahr jeder Zweite erhöhte Werte auf. Die Krankheit hat allerdings eine entscheidende Tücke: Bluthochdruck verläuft weitgehend ohne Symptome, daher merken die Betroffenen nichts davon und gehen auch nicht zum Arzt.
Die Dunkelziffer der Personen mit Bluthochdruck, die nichts von ihrer Erkrankung wissen, ist dementsprechend hoch: In einer Studie aus Deutschland wurde bei 55 Prozent der über 35- bis 64-Jährigen Bluthochdruck diagnostiziert – allerdings wussten nur 37 Prozent der Befragten davon. Der Behandlungsgrad ist deshalb auch relativ niedrig: Nur rund 26 Prozent der Betroffenen sind wegen ihres Bluthochdrucks in ärztlicher Behandlung.

Das Blut muss mit einem gewissen Druck durch die Adern gepumpt werden, um auch fein verästelten Arterien zu erreichen.
Blutgefäße unter Dauerdruck
Allgemein gesagt: Der Blutdruck ist der Druck, mit dem das Blut durch die Gefäße fließt. Bei jedem Herzschlag wird Blut aus dem Herzen in die Arterien hinausgedrückt, dabei entsteht in den Gefäßen ein gewisser Druck.
Zieht sich das Herz zusammen und wirft Blut aus, dann steigt der Druck in den Gefäßen. Beim Blutdruckmessen entspricht dies dem oberen, dem sogenannten systolischen Wert. Entspannt sich das Herz zwischen den Schlägen, fällt der Druck wieder ab. Dies entspricht dem unteren, dem diastolischen Wert. Gemessen wird der Blutdruck in mmHg (Millimeter Quecksilbersäule). Normalerweise ist der Blutdruckwert 120 mmHg zu 80 mmHg.
Von einem erhöhten Blutdruck oder einer Hypertonie spricht man, wenn bei wiederholten Messungen der systolische Wert über 140 mmHg und der diastolische Wert über 90 mmHg liegt.

Arteriosklerose führt zu erhöhtem Blutdruck.
Entscheidend für die Höhe unseres Blutdrucks ist die Blutmenge, die das Herz pro Minute in den Kreislauf pumpt (Herzminutenvolumen) und der Widerstand, den die Blutgefäße dem Blutstrom entgegensetzen. Ein geweitetes Gefäß bewirkt einen niedrigeren Blutdruck als ein enger gestelltes. Man kann sich das wie bei einem Gartenschlauch vorstellen: Ist der Schlauch weit, fließt das Wasser langsamer und mit geringerem Druck hindurch als bei einem engen Schlauch.
Der Körper regelt den Blutdruck über einen komplizierten körpereigenen Mechanismus. Verschiedene Hormone wie etwa Adrenalin, Noradrenalin und andere Botenstoffe (zum Beispiel Angiotensin-II) greifen in diesen Mechanismus ein.
Kurzfristig steigt der Blutdruck bei körperlichen Anstrengungen an. Das kann jeder an sich selbst beobachten, etwa wenn er eine Treppe schnell hinaufgeht. Jetzt fängt das Herz an, schneller und kräftiger zu schlagen, denn der Körper benötigt mehr Sauerstoff. Somit steigt der Blutdruck an, sinkt aber normalerweise wieder, wenn die Anstrengung vorbei ist.
Ein dauerhaft hoher Blutdruck entsteht, wenn beispielsweise die Gefäßwände starr und unelastisch werden, wie bei der Arteriosklerose, und nicht mehr so gut nachgeben können. Dadurch wird dem Blutstrom ein höherer Widerstand entgegengesetzt – der Blutdruck steigt an.
Verschiedene Formen von Bluthochdruck
Gewöhnlich wird zwischen primärer und sekundärer Hypertonie unterschieden.
Für die primäre Hypertonie findet sich keine organische Ursache, sie kommt sehr häufig vor. Einige Faktoren begünstigen jedoch die Erkrankung, darunter fallen eine familiäre Neigung, Übergewicht oder hoher Salzkonsum.
Die sekundäre Hypertonie heißt so, weil sie die Folge einer anderen Grunderkrankung ist. Sie liegt bei nur etwa jedem zehnten Patienten mit erhöhten Blutdruckwerten vor. Hier liegt eine Erkrankung oder Störung im Körper vor, die ursächlich für die erhöhten Blutdruckwerte verantwortlich ist. Dazu zählen Nierenerkrankungen (z.B. chronische Entzündungen, Tumoren oder Verengungen an den Nierenarterien) sowie Hormonstörungen. Auch eine angeborene Verengung der Hauptschlagader kann zu Hypertonie führen. Die Lebensgewohnheiten haben auf die sekundäre Hypertonie einen sehr viel geringeren Einfluss als bei der primären Hypertonie.
Blutdruckerhöhungen in der Schwangerschaft oder durch Medikamente zählen nicht zu den Ursachen für eine chronische Hypertonie, weil der erhöhte Blutdruck in diesen Fällen meist nur vorübergehend ist.
Risikofaktoren für Hypertonie

Vor allem bei der sogenannten primären Hypertonie spielt auch die Veranlagung eine Rolle.
Über 90 Prozent der Bluthochdruckpatienten leiden unter einer primären Hypertonie, deren Ursachen bisher nicht vollständig geklärt sind. Viele unterschiedliche Faktoren wie Veranlagung und Hormone spielen bei der Entstehung eine Rolle. Entscheidend aber ist der Lebensstil:
• Übergewicht
Übergewichtige Menschen gelten nicht umsonst als Hypertonie-Typen. Tatsächlich ist es so, dass Übergewichtige ein höheres Risiko für einen Bluthochdruck haben. Besonders gefährdet sind Menschen mit der abdominellen Fettleibigkeit (also der besonders im Bauchbereich ausgebildeten Fettleibigkeit). Dabei beeinflussen von den Fettzellen gebildete Substanzen direkt das Herz-Kreislaufsystem und die Nieren. Man kann sagen, dass jedes abgespeckte Kilo den Blutdruck langfristig um 2 mmHg reduziert.
• Stress
Anspannung, Termindruck, Hektik und Ärger wirken sich auf Dauer negativ auf den Blutdruck aus. In Stresszeiten schüttet der Körper mehr Adrenalin und Noradrenalin – sogenannte Stresshormone – aus.
• Alkohol
Schon kleine Mengen Alkohol regen unser vegetatives Nervensystem an. Was genau der Alkohol in Bier, Wein und Schnaps bewirkt, ist noch nicht vollständig geklärt, sicher ist jedoch, dass dauerhaft starker Alkoholkonsum zu gefährlichem Bluthochdruck führt.
• Nikotin
Rauchen gilt als einer der Hauptrisikofaktoren für Arteriosklerose. Das Zellgift Nikotin schädigt die Gefäßwände, verengt die Blutgefäße, sie werden starr, was zu einer Blutdruckerhöhung beiträgt.
• Genetische Faktoren
Aus Zwillingsstudien ist bekannt, dass Kinder von Hypertonikern ein doppelt bis dreifach erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Bluthochdrucks haben. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse machen dafür die hohe Vererblichkeit ein einzelnes Gen verantwortlich: Bei einer krankhaften Veränderung des Gens STK39 verändert sich auch der Salzhaushalt im Körper – weniger Salz wird durch die Nieren ausgeschieden, bindet Flüssigkeit im Körper und erhöht den Blutdruck. Die Wissenschaftler schätzen, dass etwa jeder fünfte Mensch in Europa diese Genvariante besitzt.
• Hormone
Sie können bei entsprechender Veranlagung eine begünstigende Rolle spielen. So beginnt ein Bluthochdruck bei Frauen häufig in den Wechseljahren.
Folgen für Herz, Hirn und Nieren

Zu hoher Blutdruck schädigt auch die Nieren und kann soagr zum Versagen der empfindlichen Filterorgane führen.
Wenn Bluthochdruck nicht erkannt/nicht behandelt wird und dauerhaft über dem Grenzwert von 140/90 mmHg liegt, entsteht ein Teufelskreis: Der höhere Druck belastet die Gefäßwände, die dadurch schneller verschleißen und verhärten, was wiederum den Druck weiter in die Höhe treibt.
Bei verengten Gefäßen muss das Herz immer mit erhöhter Anstrengung schlagen, es kann sich zwischenzeitlich nicht mehr erholen. Das macht das Herz nicht lange mit, die Aktivität des Organs stößt schnell an ihre Grenzen: Durch die ständige Mehrarbeit dehnt sich die linke Herzkammer aus, was zu einer Herzschwäche (Herzinsuffizienz) führen kann. Verkalken die Herzkranzgefäße, können koronare Herzkrankheit (KHK) und Herzinfarkt die Folge sein. Bluthochdruckpatienten haben gegenüber Personen mit einem normalen Blutdruck ein dreifach erhöhtes Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden.
Bluthochdruck ist außerdem die Hauptursache von Schlaganfällen. Ein Schlaganfall entsteht durch eine Minderdurchblutung des Gehirns. Arteriosklerose und hoher Blutdruck begünstigen diese Hirndurchblutungsstörung. Die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden, ist für Hypertoniker siebenmal größer als für Personen mit normalem Blutdruck. Und es gilt: Je höher der Blutdruck und je mehr andere Risikofaktoren vorhanden sind, desto größer ist die Gefahr.
Auch die Nieren sind bei fortdauernder Hypertonie sehr gefährdet. Durch Schäden an den kleinen Nierengefäßen verschlechtert sich die Nierendurchblutung, und die empfindlichen Nierenzellen sterben allmählich ab. Dann spricht man von einer Nierenschwäche oder Niereninsuffizienz. Diese lebenswichtigen Organe können ihre Filterfunktion nur noch eingeschränkt wahrnehmen, bis hin zum völligen Versagen. Dann bleibt nur noch die regelmäßige Blutwäsche (Dialyse) und die Hoffnung auf eine Nierentransplantation.
Bluthochdruck (zusammen mit Rauchen und Diabetes mellitus) kann vor allem in den Beinen zu Durchblutungsstörungen und damit zur peripheren arteriellen Verschlusskrankheit führen. Zunächst können die Betroffenen nur noch kurze Strecken zu Fuß gehen, in einem späteren Stadium droht eine starke Unterversorgung der betroffenen Extremität, sodass meistens amputiert werden muss. Auch Durchblutungsstörungen im Penis mit nachfolgenden Erektionsstörungen sind möglich.
Hypertonie-Experte Professor Fischereder vom Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München beschreibt das Ausmaß der Folgeschäden drastisch: „Studien zeigen, dass etwa 45 % der Todesfälle bei Männern und 50 % der Todesfälle bei Frauen durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursacht werden, die mit Hypertonie in Zusammenhang stehen, wie etwa koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt, Nierenversagen und Schlaganfall.“
Besondere Vorsicht ist geboten, wenn die Hypertonie zusammen mit starkem Übergewicht, einem Diabetes mellitus (oder einer Diabetesvorstufe) und einer Fettstoffwechselstörung auftritt. Liegen drei dieser vier genannten Risikofaktoren vor, spricht man vom „Metabolischen Syndrom“. Da es in westlichen Industrienationen gehäuft vorkommt, wird es auch als „Wohlstandssyndrom“ bezeichnet.
Bilder: Shutterstock (6)
Animation: DOCMED.tv
Glossar
Adrenalin
Wird auch Stresshormon genannt, da es den Körper in Erregung versetzt. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt an.
Angiotensin-II
Das Hormon wird auch als "Gefäßverenger" bezeichnet, denn es macht die Gefäße eng und erhöht so den Blutdruck.
Arterie
Ein Blutgefäß, das das Blut vom Herzen wegführt. Arterien transportieren in der Regel sauerstoffreiches Blut. Nur die Arterien des Lungenkreislaufs enthalten sauerstoffarmes Blut. In den Arterien des Menschen sind nur etwa 20 % des gesamten Blutvolumens enthalten. Die größte Arterie ist die Hauptschlagader (Aorta).
Arteriosklerose (Atherosklerose)
Umgangssprachlich „Arterienverkalkung“; Schädigung der Arterien durch Ablagerungen von Blutfetten, Blutpfropfen, Bindegewebe und Kalk in den Gefäßwänden.
Diabetes mellitus („Zuckerkrankheit“)
Diabetes mellitus bedeutet übersetzt: „honigsüßer Durchfluss“. Chronische Stoffwechselerkrankung, bei der das Blut einen erhöhten Blutzuckerspiegel aufweist. Diabestes mellitus zeichnet sich durch absoluten Insulinmangel (Diabetes Typ 1) oder relativen Insulinmangel (Diabetes Typ 2) aus.
Gene
Träger von Erbinformation, die an Nachkommen vererbt werden können.
Herzinfarkt, akuter (Myokardinfarkt, akuter)
Akute und lebensbedrohliche Erkrankung des Herzens, bei der wegen einer Durchblutungsstörung Teile des Herzmuskels absterben.
Herzinsuffizienz
Funktionsstörung des Herzens, bei der das Blut nicht mehr in ausreichenden Mengen in den Körper gepumpt wird. Als Folge ist die Durchblutung der Organe gefährdet, was zu einem Kreislaufversagen führen kann.
Koronare Herzkrankheit (KHK)
Erkrankung der Herzkranzgefäße, die durch Arteriosklerose (siehe dort) verursacht wird; Ablagerungen führen zu Gefäßverengungen und damit zu einer verminderten Durchblutung und Sauerstoffversorgung der Herzmuskulatur. Hauptsymptom der KHK ist die Angina pectoris (siehe dort), mit zunehmendem Fortschreiten erhöht sich das Risiko für einen Herzinfarkt und für andere Krankheiten.
Metabolisches Syndrom
Gemeinsames Auftreten von Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck sowie Insulinresistenz; Risikofaktor für Arteriosklerose.
Niereninsuffizienz
Funktionsverlust einer oder beider Nieren. Häufigste Auslöser sind Diabetes mellitus, Hypertonie, aber auch Infektionen der Harnwege.
Noradrenalin
Botenstoff, der zu den Neurotransmittern gehört.
Periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)
Eine krankhafte Verengung der Arterien der Extremitäten, sie wird auch „Schaufensterkrankheit“ genannt.








