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Depression – Suizid – Neurotransmitter – einschneidende Lebensereignisse – gedrückte Stimmung

Depression – wenn die Seele Trauer trägt

Kummer, Schmerz, das Gefühl quälender Hoffnungslosigkeit – jeder Mensch kennt diese Phasen im Leben, die meist mit konkreten Ereignissen einhergehen wie dem Verlust eines geliebten Menschen, Krankheit oder beruflichem Misserfolg. Hält die Schwermut einen Menschen aber so fest im Griff, dass er sich daraus gar nicht mehr lösen kann, dann liegt eine depressive Störung vor.

Inhaltsverzeichnis

Für viele Künstler ist die Melancholie Quelle der Kreativität. Marter der zehntausend Christen, Albrecht Dürer

Viele der besten Werke der Literatur, der Malerei oder der Musik entstanden in diesen Phasen der Not und Verzweiflung, in denen die Künstler nach einer Möglichkeit, einem Ventil suchten, ihrer Trauer und Traurigkeit Ausdruck zu verleihen. Den allermeisten gelingt es nach einer angemessen Zeit, aus dem tiefen Loch wieder aufzutauchen, sich dem Leben erneut zu stellen und ihm auch wieder positive Seiten abzugewinnen. Doch was, wenn uns die Schwermut so fest in ihren Krallen hält, dass kein normales Leben mehr möglich ist? Wenn zu der Hoffnungslosigkeit und Schwärze ein lähmendes Gefühl der Antriebslosigkeit dazukommt, gepaart mit der Angst, mit unseren Mitmenschen oder einem Arzt darüber zu reden?

Es kann jeden treffen

Menschen mit einer Depression stehen nicht allein da: Nach Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden weltweit rund 121 Millionen Menschen an dieser Erkrankung. In Deutschland sind nach Schätzungen des Kompetenznetzes Depression 4 Millionen Patienten betroffen – also rund fünf Prozent der Bevölkerung, wobei die Dunkelziffer erheblich höher liegen dürfte. Depressionen, im medizinischen Fachjargon auch als depressive Störungen bezeichnet, gehören zu den am weitesten verbreiteten Erkrankungen, gemeinsam mit denen des Herz-Kreislauf-Systems. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt Depressionen zu den zehn wichtigsten Gesundheitsproblemen.

Die WHO setzte sie auf die Liste der zehn wichtigsten Gesundheitsprobleme. Die Belastungen für die Betroffenen sind enorm, aber auch diejenigen für das Gesundheitssystem. Gemessen an den zentralen Indikatoren YLD (Years Lived with Disability: Lebensjahre mit einer Krankheit) der Weltgesundheitsorganisation WHO liegt die Depression an erster Stelle und gemessen an DALY (Disability Adjusted Live Years: Lebensjahre, die durch Krankheit verloren gehen, einschließlich des Verlusts an Produktivität im Arbeitsleben) liegt sie derzeit weltweit auf Platz vier und wird laut WHO bis zum Jahr 2020 auf den zweiten Platz vorrücken. Bei den 15- bis 44-Jährigen hat die Erkrankung diesen Platz bereits heute erreicht.

Depressionen: Eine teure Erkrankung

Im Gegensatz zum allgemeinen Trend sind die durch Depressionen verursachten Krankheitstage in Deutschland seit dem Jahr 2000 um mehr als 40 Prozent angestiegen, wobei die durchschnittliche Fehlzeit am Arbeitsplatz bei 30 Tagen liegt. Die Behandlung der Erkrankung ist teuer: Im Jahr 2002 verursachten Depressionen in Deutschland direkte Krankheitskosten von 4 Milliarden Euro, indirekte Kosten wie beispielsweise der Arbeitsausfall nicht eingerechnet. Die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal im Leben an einer Depression zu erkranken, beträgt etwa 20 Prozent, wobei Frauen mit 25 Prozent stärker gefährdet sind als Männer (12 Prozent).

Depressionen führen häufig in den Tod

Erschreckend ist die hohe Selbstmordrate bei Depressionen. Von den Patienten mit einem schweren Verlauf kommen rund 15 Prozent auf diese Weise ums Leben. Etwa 56 Prozent der Patienten mit der Diagnose Depression unternehmen in ihrem Leben zumindest einen Suizid-Versuch. Umgekehrt leidet ein Großteil der Menschen, die freiwillig aus dem Leben scheiden, an dieser Erkrankung – nach Daten der WHO aus dem Jahr 2002 ist ein Anteil zwischen 65 und 95 Prozent wahrscheinlich.
In Deutschland haben sich 2006 laut offizieller Statistik 9765 Menschen das Leben genommen, zum Vergleich: Im selben Jahr gab es 5174 Verkehrstote.

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Depressionen: Finsternis der Seele

Der Begriff „Depression“ stammt vom lateinischen Wort „deprimere“, was soviel wie „herunterdrücken“ bedeutet. Damit ist auch schon eines der Hauptsymptome der Erkrankung beschrieben, nämlich die niedergeschlagene Stimmung. Nun fühlt sich jeder irgendwann einmal bedrückt und deprimiert. Das ist völlig normal und gehört zum Leben. Die gedrückte Stimmung dient dazu, sich zurückzuziehen und neu zu orientieren, sie ermöglicht es, sich von Schicksalsschlägen zu erholen und nachzudenken. Je nach Anlass und Persönlichkeitstyp halten die negativen Gefühle unterschiedlich lang an. Doch nach und nach überlagern positive Empfindungen die Trauer, Mutlosigkeit und Niedergeschlagenheit – die angeschlagene Seele heilt.

Betroffene erleben ihre Umwelt oft wie durch einen grauen Schleier.

Bei der Depression dagegen übersteigt diese Niedergeschlagenheit das normale Maß und verschwindet nicht mehr, der Betroffene verliert die Kontrolle darüber. Er findet aus seinem Seelentief nicht mehr heraus, ist permanent am Grübeln, ist antriebslos, hoffnungslos und leidet unter Angst- und Schuldgefühlen. Verbunden ist dies mit einer inneren Leere und einem Gefühlsverlust: Der depressive Patient ist innerlich wie abgestorben, weder kann er sich über etwas freuen, noch kann er richtig wütend oder traurig sein. Das ganze Leben ist in eine Art Grauschleier gehüllt.  Dabei kann die Seelenfinsternis jeden treffen, sie sucht Arm und Reich heim, Alt und Jung. Dazu kommt eine Reihe körperlicher Symptome. Manche Patienten fallen durch eine extreme Bewegungsarmut auf und sitzen den ganzen Tag regungslos da, apathisch, mit starrem Gesichtsausdruck, wie gelähmt. Andere verhalten sich genau gegensätzlich, sind unruhig, laufen ständig auf und ab und kommen überhaupt nicht zur Ruhe. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, leiden zudem häufig unter Schlafstörungen, Schmerzen oder Appetitlosigkeit. Auch das sexuelle Interesse ist häufig stark vermindert, wenn überhaupt noch vorhanden.

Stimmungstief oder echte Depression?

Gerade die körperlichen Beschwerden können bei der Depression zum Problem werden. Nicht, dass sie wirklich gefährlich wären, doch häufig werden diese Symptome als „psychosomatisch fehlinterpretiert und die eigentliche Erkrankung deshalb nicht erkannt. Dazu kommt, dass die Übergänge zwischen einer normalen Verstimmung und einer echten Depression fließend sind. Die Erkrankung ist häufig nur schwer von einem etwas länger andauernden Stimmungstief zu unterscheiden.

Viele Patienten klagen bei ihrem Hausarzt nur über Kopfschmerzen oder Schlafstörungen und verlassen die Praxis dann mit einem Schmerz- oder Schlafmittel, ohne dass jemals das Wort „Depression“ fällt. Hinzu kommt, dass Ärzte, falls sie nicht ausreichend psychologisch geschult sind, eine Depression übersehen können. Besteht der Verdacht auf eine solche Erkrankung, ist es für den Arzt in jedem Fall wichtig, genau nachzufragen. Das ist natürlich zeitintensiv, und Zeit ist in den Praxen knapp. Da die meisten Patienten ihren Arzt nicht über Gebühr beanspruchen wollen und sich auch nicht trauen, über ihre Gefühle zu sprechen, beschränken sie sich oft nur aufs Wesentliche, sprich: ihre Symptome, und verlassen die Praxis, ohne wirklich Hilfe gefunden zu haben. All dies sind Gründe dafür, warum die Erkrankung so häufig übersehen wird.
Experten gehen davon aus, dass lediglich jede zweite Depression richtig erkannt wird und nur etwa 40 Prozent der Erkrankten eine konsequente Therapie erhalten. Dem aktuellen wissenschaftlichen Stand soll diese Therapie allerdings nur bei rund 10 Prozent der Patienten dem individuellen Krankheitsbild entsprechen. Wenn nicht psychische, sondern körperliche Symptome im Vordergrund stehen, spricht man von einer larvierten (versteckten) Depression: Die Patienten sind emotional kaum auffällig, klagen aber über diffuse körperliche Beschwerden, für die sich keine organische Ursache finden lassen.

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Viele Dinge müssen zusammenkommen

Eine Depression hat in der Regel nicht eine einzelne Ursache. Es müssen mehrere Faktoren zusammenkommen, die zum Ausbruch der Erkrankung führen. Die genetische Veranlagung spielt dabei ebenso eine Rolle wie der Persönlichkeitstyp. So zeigen Familienuntersuchungen, dass Verwandte von depressiven Patienten in rund 20 Prozent der Fälle ebenfalls an einer Depression leiden (bei eineiigen Zwillingen sogar über 40 Prozent).
Mögliche Auslöser können auch einschneidende Ereignisse sein wie etwa der Tod einer nahen Bezugsperson, die Trennung vom Partner, Jobverlust oder auch das Erreichen des Rentenalters, sogar etwas eigentlich als positiv Empfundenes wie eine Heirat. Zwei Drittel der Patienten berichten über eine solche Begebenheit vor Beginn der Depression. Nach gravierenden Veränderungen im Leben ist das Risiko, an einer Depression zu erkranken, ein halbes Jahr lang erhöht. Allerdings können die meisten Menschen einschneidende Ereignisse sehr gut verarbeiten und erkranken nicht.

Ob dem erhöhten Erkrankungsrisiko von Frauen eine konkrete Ursache zugrunde liegt, ist umstritten; denkbar wäre auch eine statistische Täuschung, die darauf beruht, dass Frauen gerade mit psychischen Beschwerden häufiger ärztliche Hilfe suchen als Männer. Bei Frauen ist die Hemmschwelle deutlich geringer, sich einem Arzt anzuvertrauen. Männer dagegen reagieren häufig mit Aggressionen, suchen Trost im Alkohol und vermeiden den Gang zum Arzt. Allerdings spielen auch Hormone eine nicht zu unterschätzende Rolle, da Frauen vor der Menstruation, in den Wechseljahren oder nach der Geburt („Wochenbettdepression“) anfälliger für eine Depression sind.

Sogar das Wetter kann an Depressionen beteiligt sein. Trübes Herbst- und Winterwetter schlägt bei vielen Menschen auf die Stimmung. Manche reagieren darauf mit depressiven Symptomen, was als „saisonal abhängige Depression“ (SAD) bekannt ist. In der kalten Jahreszeit lässt sich daher auch ein Anstieg der Depressionen um 10 Prozent beobachten. Trotzdem nehmen die Suizide nicht im Winter, sondern im Frühling und Sommer zu, eine stichhaltige Erklärung hierfür gibt es nicht. Auch wenn sich der Faktor schlechtes Wetter nicht eindeutig zuordnen lässt, gibt es in Europa bezüglich der Selbstmordraten ein Nord-Süd-Gefälle: Suizide sind in den nördlicheren Ländern mit langen Wintern und kurzen Sommern häufiger als im Süden.

Lang anhaltender Stress gilt ebenfalls als Risikofaktor für eine Depression. Ständige Überforderung am Arbeitsplatz, mangelnde Anerkennung, Mobbing durch die Kollegen, extremer Leistungsdruck können zu unlösbaren Konflikten führen, die mit der Zeit in eine Depression münden. Gerade die Sorge um den Arbeitsplatz kann hierbei entscheidend sein. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass in Kriegszeiten, also in Zeiten existenzieller Bedrohung, die depressiven Erkrankungen und Suizide deutlich zurückgehen.

Signalstörungen im Gehirn machen depressiv

Auch Störungen im Hirnstoffwechsel können der Grund für Depressionen sein. Im Bild: Synapse als Ort der Signalübertragung zwischen Nervenzellen.

Psychiater sehen eine Depression stets unter mehreren Aspekten, nämlich körperlichen, neurobiologischen, sozialen und psychischen. Die verbreitete Ansicht, dass Patienten mit einer Depression eine labile Persönlichkeit hätten, trifft den Kern der Sache keinesfalls. Vielmehr gehen heutzutage viele Wissenschafter davon aus, dass bei Patienten mit einer Depression bestimmte Bereiche des Hirnstoffwechsels gestört sind. Betroffen davon sollen vor allem die Neurotransmitter (Botenstoffe) Serotonin und Noradrenalin sein. Nervenzellen verwenden entlang ihrer Oberfläche elektrische Impulse, um Signale zu übertragen. An den Verbindungsstellen von Nervenzelle zu Nervenzelle, den sogenannten Synapsen, ist die elektrische Signalübertragung nicht möglich. Daher schüttet die Nervenzelle hier einen Neurotransmitter in den Zwischenraum zwischen den Nervenzellen, den sogenannten synaptischen Spalt, aus. Auf der anderen Seite dieses winzigen Spaltraumes wird dieser Botenstoff von einer zweiten Zelle aufgenommen, was bei dieser dann wiederum einen elektrischen Impuls auslöst. Das Nervensignal kann sich weiter ausbreiten. Bei Depressionspatienten befinden sich vermutlich zu wenige Botenstoffe im synaptischen Spalt. Für diese Hypothese spricht, dass der Wirkmechanismus zahlreicher Medikamente gegen Depression darauf beruht, die Konzentration der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin an dieser Schaltstelle zu erhöhen.

Andere Theorien gehen davon aus, dass bei den Patienten zu viel Stresshormon Kortisol produziert wird, sie sich dadurch in einer Art Dauerstress befinden und dadurch Nervenzellen in bestimmten Hirnregionen geschädigt werden können. Medikamente, die in diesen Mechanismus eingreifen, befinden sich derzeit in der Testphase.

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Bilder: Shutterstock (4); teleDesign (2); Fotolia (1); Wikimedia Commons (2)
Animationen: u.a. teleDesign München.

GLOSSAR 

Kortisol
Hormon der Nebennierenrinde, das vor allem in Stresssituationen ausgeschüttet wird

Menstruation
Monatliche Regelblutung der Frau

Neurobiologisch
Die Biologie der Nerven(zellen) betreffend

Neurotransmitter
Botenstoff, der an der Übertragung von Signalen zwischen Nervenzellen oder zwischen Nervenzellen und Organen wie der Muskulatur beteiligt ist

Psychiater
Facharzt, der sich mit psychischen Störungen befasst

Psychologie
Wissenschaft, die sich mit dem Erleben und Verhalten des Menschen beschäftigt

Psychosomatisch
Wechselwirkung zwischen Körper und Seele. Psychische Erkrankungen bzw. Probleme können sich auch in körperlichen Symptomen äußern. Man spricht dann von psychosomatischen Beschwerden.

Suizid
Selbstmord