Der Infokanal von

Schmerz – Ursache – Nozizeption – Alarmsignal – Schmerzhemmung

Schmerz: Krankheitsbild und Ursachen

Niemand kann ihm entgehen, er begleitet den Menschen das ganze Leben lang: Der Schmerz ist Warnsignal und Indikator für bedrohliche Situationen am und im Körper. Könnten wir keine Schmerzen empfinden, würden wir uns permanent selbst verletzen, würden nicht merken, wenn uns etwas fehlt und wir würden schweren Schaden durch Wunden und unbemerkte Infektionen nehmen.

Inhaltsverzeichnis

Schmerzen sind Alarmsignale

Schmerzen sind für das Überleben unabdingbar und dürfen auf keinen Fall als „Feinde“ aufgefasst werden, sondern wegen ihrer Signalfunktion als Förderer der körperlichen Unversehrtheit. Akute Schmerzen treten unmittelbar nach einem schädigenden Ereignis auf.

Akute Schmerzen warnen etwa vor einer möglichen Verbrennung.

Halten wir beispielsweise unsere Hand über eine Kerzenflamme, so werden Nervenzellen aktiviert, die auf schädliche Hitzereize reagieren. Von diesen Schmerzrezeptoren ausgehend wird das Schmerzsignal über das Rückenmark bis in das Großhirn weitergeleitet. Auf diese Weise wird eine Schutzreaktion ausgelöst – in diesem Fall das Wegziehen der Hand von der Flamme.

Akute Schmerzen zwingen den Betroffenen also dazu, sein Verhalten umgehend zu verändern. Zum Beispiel, indem er den verknacksten Knöchel schont oder bei einem Arzt Hilfe sucht. Der Organismus bedankt sich für das gesundheitsfördernde Verhalten, indem die Schmerzen sofort aufhören, wie im Beispiel mit der Flamme, oder allmählich abklingen, bis eine Verletzung oder Entzündung verheilt ist.

Haben Verliebte weniger Schmerzen?

Das Nervensystem ist mit einem natürlichen Schutzschild gegen Schmerzen gewappnet: dem Schmerzhemmsystem. Entlang der beschriebenen Schmerzbahn wirkt es im Bereich des Großhirns, des Hirnstamms, des Rückenmarks und der Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) der Haut, der Knochen und der inneren Organe. Eine wichtige Rolle in diesem System spielen die Endorphine. Die Nervenbotenstoffe sind vom Körper selbst hergestellte „Schmerzkiller“. Diese Opioide wirken ähnlich wie Opium, aus dem das stärkste bekannte natürliche Schmerzmittel gewonnen wird: Morphin. Der biochemischen Ähnlichkeit mit dieser Substanz verdanken auch die Endorphine ihren Namen: endogene Morphine, also körpereigene Morphine.

Frisch Verliebte haben mehr Endorphine im Blut und leiden daher weniger unter Schmerzen.

Schüttet der Körper Endorphine aus, kommt es zur Blockade von Nervenzellen, die über Rezeptoren verfügen, an denen Endorphine „andocken“ können. Außer im Rückenmark existieren auch im Gehirn und im vegetativen Nervensystem Neurone, die solche Rezeptoren besitzen.

Die Produktion von Endorphinen steht in Verbindung mit der von Sexualhormonen. Deren Konzentration ist im Blut von Verliebten besonders hoch. Ein frisch Verliebter mit Halsschmerzen leidet deshalb meist weniger als ein Nicht-Verliebter mit den gleichen Symptomen.

Doch nicht nur im „Siebten Himmel“ werden Schmerzen erträglicher: Auch andere freudige Ereignisse – vom sportlichen Erfolg bis zur Geburt eines Kindes – führen zur Ausschüttung von Endorphinen oder „Glückshormonen“, wie sie im Volksmund heißen.

[Top]

Lebensgefahr macht schmerzfrei

Die Bezeichnung Glückshormon ist jedoch irreführend, denn auch in einer lebensbedrohlichen Situation kann der Körper Endorphine ausschütten. Die Botenstoffe sind vermutlich für das Phänomen der Schmerzhemmung in extremen Lebenslagen verantwortlich, der stressinduzierten Hyperalgesie. Überlebenswichtig wird diese vorübergehende Schmerzunterdrückung, wenn sich verletzte Menschen in Sicherheit bringen müssen. So können sich Unfallopfer beispielsweise trotz gebrochener Hüfte noch bis zur nächsten Notrufsäule schleppen, um Hilfe zu holen.

Mehr Wissen für wirksame Therapien

Endorphine sind jedoch nur eine Komponente der äußerst komplexen körpereigenen Schmerzregulation. Bisher wissen Schmerzforscher noch wenig über die einzelnen Bestandteile dieses Systems und ihre Wirkungsweise. Dabei geht es nicht nur darum, neue Substanzen zu entdecken, die Schmerzen unterdrücken. So ist zum Beispiel bekannt, dass Veränderungen der körpereigenen Schmerzhemmung eine wichtige Rolle bei der Chronifizierung von Schmerzen spielen. Die moderne Schmerztherapie findet immer wieder neue Wege, um solche Veränderungen rückgängig zu machen.

Im Teufelskreis chronischer Schmerzen

Wollen Schmerzen einfach nicht aufhören oder kehren sie immer wieder, verändern sie das Leben der Betroffenen. Schmerzgeplagte Menschen vernachlässigen Familie, Freunde, Hobbys, die ihnen früher wichtig waren. Die Gedanken, Wünsche und Hoffnungen kreisen nur noch um ein Verlangen: die Erlösung vom Schmerz.

In Deutschland leben mindestens acht Millionen Menschen mit schwer therapierbaren, länger als sechs Monate anhaltenden Schmerzen. Solche als chronisch bezeichneten Schmerzen können zunächst einmal eine körperliche Schädigung widerspiegeln, beispielsweise einen Bandscheibenvorfall. Doch nicht selten kommt es dazu, dass der Schmerz seine Ursache „überlebt“. Diese Verselbstständigung lässt den chronischen Schmerz zu einem eigenständigen Krankheitsbild werden. Von einer Warnfunktion des Schmerzes kann dann nicht mehr die Rede sein.

Chronische Schmerzen gehen oft mit weiteren Beschwerden wie Schlaf- und Appetitlosigkeit, Verdauungsstörungen und sexuellen Problemen einher, die wiederum die Schmerzsymptomatik negativ beeinflussen. Menschen mit chronischen Schmerzen laufen aufgrund dieser Belastungen Gefahr, depressiv zu werden. Die Depression verstärkt die subjektive Wahrnehmung der Schmerzen – der Betroffene steckt in einem Teufelskreis.

[Top]

Wenn Körper und Seele schmerzen

Chronische Schmerzen können auch zu einer Depression führen.

Der Ausbruch aus dem Teufelskreis eines chronischen Schmerzleidens wird umso schwieriger, je mehr der Betroffene bei Ärzten und Menschen aus seinem Umfeld auf Unverständnis oder gar Ablehnung stößt. Denn obwohl es Angehörige, Kollegen, Freunde, Therapeuten und Ärzte selten aussprechen: Menschen, die unablässig und über längere Zeit über Schmerzen klagen, werden zu einer Belastung für ihre Mitmenschen. Zum Leidensdruck, der durch die körperlichen Schmerzen verursacht wird, kommt dann noch das Gefühl hinzu, unverstanden und alleine gelassen, ja sogar unerwünscht zu sein. Seelischer und körperlicher Schmerz verschmelzen und verstärken sich gegenseitig. Aus dem Labyrinth von psychischen und körperlichen Qualen sehen Menschen mit starken chronischen Leiden oft keinen Ausweg mehr.

Dem Schmerz hilflos ausgeliefert?

Auf wenigen Gebieten der Medizin wird mit so viel Nachdruck geforscht wie im Bereich Schmerzdiagnostik und -therapie. Weltweit arbeiten Mediziner, Biologen und Pharmakologen daran, die komplexen Mechanismen der Schmerzentstehung besser zu verstehen, um Medikamente und Therapieverfahren entwickeln zu können, die dauerhaft, effektiv und mit wenigen Nebenwirkungen Schmerzen lindern. Ob Schmerzpflaster, neu entdeckte Wirkstoffe, wie etwa aus dem Gift einer Tiefseeschnecke, elektrische Nervenstimulation oder chirurgische Eingriffe – die Fortschritte, die in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf das Verständnis und die Bekämpfung von Schmerzen erzielt wurden, sind enorm. Sie machen es möglich, dass heutzutage niemand mehr seinen Schmerzen hilflos ausgeliefert sein muss.

Mit Schmerzen leben lernen

Jeder Patient kann selbst dazu beitragen, die Einbußen an Lebensqualität durch chronische Schmerzen so gering wie möglich zu halten. Die moderne Schmerztherapie schult daher auch das Verhalten der Betroffenen im Umgang mit den Schmerzen.

Der größte Fortschritt, der sich in den letzten 15 Jahren in der Schmerzbekämpfung abgezeichnet hat, besteht im zunehmenden Ineinandergreifen von psychotherapeutischen Maßnahmen, Schulungen und Verfahren, die das positive Körperempfinden von Schmerzpatienten stärken, sowie den pharmakologischen, physikalischen und operativen Möglichkeiten der modernen Schmerzbehandlung.

In Schmerztherapiezentren arbeiten Fachärzte aller Richtungen (Anästhesie, Neurologie, Orthopädie, Innere Medizin usw.) mit Psychologen, Psychotherapeuten, Ernährungsberatern, Sporttherapeuten und Krankengymnasten zusammen, um dem Schmerz als einem körperlichen, psychischen und sozialen Phänomen gerecht zu werden.

[Top]


Quellen:

Dr. med. Günter Gerhard, Julia Pross: Schmerzen: Nicht unterdrücken, sondern behandeln – was die moderne Schmerztherapie für Sie tun kann. Stuttgart 2003.

Dr. med. Robert Reining, Dr. rer.nat. Anita Schweiger: Endlich weniger Schmerzen. Stuttgart 2006.

Robert F. Schmidt, Gerhard Thews: Physiologie des Menschen. Berlin/ Heidelberg 1997.

www.schmerz-therapiedeutschland.de/pages/zeitschrift/z2_03/art_210.htm (Stand: 16.12.2008)


Bilder: Shutterstock (9), iStockphoto (1)

Animationen: teleDesign, München (3)

Glossar

Chronischer Schmerz
Lang anhaltender oder immer wiederkehrender Schmerz. Chronische Schmerzen spiegeln z. B. die dauerhafte Schädigung eines Organs wider. Bei der chronischen Schmerzerkrankung ist jedoch eine körperliche Ursache oft nicht bestimmbar.

Hormon
Biochemischer Botenstoff, der innerhalb eines Lebewesens Informationen übermittelt

Neuron
Nervenzelle

Nozizeptor
Schmerzrezeptor; reagiert auf Temperatur, Druck und körpereigene chemische Botenstoffe, die bei einer Verletzung des Gewebes freigesetzt werden

Pharmakologisch
Die Wirkung und Wechselwirkung von Heilmitteln betreffend

Physikalische Therapie
Medizinische Behandlungsformen, die auf der Anwendung von physikalischen Prinzipien wie Wärme, Mechanik, Licht oder Strom beruhen. Wichtige Therapieformen der physikalischen Schmerzbehandlung sind Massagen, Bäder oder die Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS), ein Verfahren, mit dem die unter der Haut liegenden Nerven durch niedrigen Wechselstrom gereizt werden.

Rezeptor
Bindungsstelle auf oder in Zellen für Signalstoffe (zum Beispiel Wachstumsfaktoren, Überträgerstoffe, Hormone), die in der Zelle bestimmte Prozesse anregen. Im Bereich des Nervensystems bezeichnet Rezeptor auch eine reizaufnehmende Nervenzelle.