Frischzellenkur fürs Herz
Stammzellen – eine große Hoffnung für viele Patienten und Ärzte. Jetzt könnten auch Herzinfarktpatienten davon profitieren: DOCMED.tv-Expertin Privatdozentin PD Dr. Birgit Aßmus von der Universität Frankfurt untersucht derzeit, wie man Herzpatienten mit adulten Stammzellen helfen kann.
Inhaltsverzeichnis
Das vorläufige Resultat der Studie: Immerhin über 600 Patienten bemerken eine Verbesserung im Alltag: „Sie spüren eine bessere Leistungsfähigkeit“, so PD Dr. Birgit Aßmus.

PD Dr. Birgit Aßmus – 2008 mit dem Theodor-Frerichs-Preis ausgezeichnet
Das Problem beim Herzinfarkt ist, dass eine abgestorbene Herzmuskelzelle sich nicht regenerieren kann. Es bildet sich eine Narbe. Weil das Narbengewebe nicht leistungsfähig ist, kommt es als Folge des Infarkts häufig zu dauerhaften Beschwerden.
Die Forschungsgruppe um PD Dr. Birgit Aßmus hat herausgefunden, dass die Gabe von körpereigenen adulten Stammzellen die Pumpleistung des Herzens nach einem Infarkt verbessern kann. Das wirkt sich positiv auf den Alltag der Patienten aus. „Sie spüren eine bessere Leistungsfähigkeit, sie können besser Treppen steigen und haben weniger Luftnot“, erklärt Dr. Aßmus von der Medizinischen Klinik III der Goethe-Universität in Frankfurt.
Die Forscherin wurde im Frühjahr 2008 für diese Forschungsarbeit mit dem Theodor-Frerichs-Preis der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin ausgezeichnet.
Stammzellen – die Hoffnung bei vielen Erkrankungen
Stammzellen sind fast „Alleskönner“, denn: Ihre Aufgabe ist noch nicht festgelegt. Sie können sich, von der Gehirnzelle bis zur Hautzelle, noch in viele verschiedene Arten von Zellen entwickeln. In der Wissenschaft werden sie als Reparaturmaterial für erkranktes Gewebe erforscht. Man unterscheidet bei den Stammzellen:
Embryonale Stammzellen
Sie sind nur in Embryonen zu finden und können sich prinzipiell in jeden Zelltypen ausdifferenzieren.
Fetale Stammzellen
Sie sind im Nabelschnurblut vorhanden. Auch sie können sich noch in eine Vielzahl von Geweben entwickeln.
Adulte Stammzellen
Sie befinden sich auch nach der Geburt im Körper – hauptsächlich im Knochenmark, aber auch im Fettgewebe, der Leber oder dem Gehirn. Im Unterschied zu den embryonalen Stammzellen können sie sich nur noch in ein begrenztes Spektrum an Zellen weiterentwickeln.
Die Behandlung mit Stammzellen in drei Schritten
1. Stammzellen aus dem Hüftknochen
Zunächst wird morgens dem Patienten Knochenmark entnommen. Das geschieht unter örtlicher Betäubung und ist – bis auf ein leichtes Druckgefühl im Beckenbereich – in der Regel schmerzfrei. Über eine Hohlnadel, die der Arzt in den Hüftknochen sticht, gewinnt dieser circa 50 ml Knochenmark mit adulten Stammzellen darin.

Dichte-Zentrifugation – ein wichtiger Schritt bei der Gewinnung von Stammzellen
2. Weiterverarbeitung im Labor
Die so gewonnenen Stammzellen werden in einem Labor isoliert und durch mehrere Verfahren konzentriert. Bei einem davon, der Dichte-Zentrifugation, trennt man sie von den roten Blutkörperchen. Nach weiteren Aufbereitungsschritten stehen die adulten Stammzellen des Knochenmarks für die Behandlung des Patienten bereit.
3. Gabe der Stammzellen
Chancen und Grenzen
Im Anschluss an die Behandlung überprüften die Forscher durch Studien, die wissenschaftlich objektiven Kriterien genügen, wie sich die Leistungsfähigkeit des Herzens entwickelt. Über einen Katheter wurde regelmäßig gemessen, wie effizient das Herz Blut in den Körper pumpte.
Das Ergebnis: Bei Infarkten, die bis zu vier Monate alt waren, verbesserte sich die Pumpleistung um bis zu acht Prozentpunkte. Bei der Behandlung von Infarkten, die älter als vier Monate waren, wurde eine Verbesserung von circa drei Prozentpunkten erzielt.
Grundsätzlich ist die Stammzelltherapie eine geeignete Behandlungsform zusätzlich zu einer optimalen medikamentösen Therapie „für alle Patienten, die an einer […] Herzinsuffizienz leiden, mit den Symptomen Luftnot und Leistungsminderung im Alltag“, erklärt Dr. Aßmus. Eine Herzinsuffizienz ist die Unfähigkeit des Herzens, das Blut angemessen durch den Körper zu pumpen.
Es wird jedoch mit dieser Behandlung nicht möglich sein, „einen Herzinfarkt komplett rückgängig zu machen“, schränkt Dr. Aßmus ein. Hauptziel ist also derzeit eine Stabilisierung des Herzens und eine Verbesserung seiner Leistungsfähigkeit. Professor Zeiher, Direktor der Medizinischen Klinik III in Frankfurt, an der die Behandlungsmethode entwickelt wurde, gibt zu bedenken: „Man sollte nie vergessen, dass wir ganz am Anfang dieser Therapie stehen.“ Die Methode wird derzeit in der klinischen Phase erprobt und auch noch weiterentwickelt. Ende 2008 soll in einer europaweiten Studie die langfristige Überlebensrate nach der Stammzellbehandlung untersucht werden.
1 Assmus B, Honold J, Schächinger V, Britten MB, Fischer-Rasokat U, Lehmann R, Teupe C, Pistorius K, Martin H, Abolmaali ND, Tonn T, Dimmeler S, Zeiher AM (2006). Transcoronary Transplantation of Progenitor Cells for Left Ventricular Dysfunction after Myocardial Infarction. N Engl J Med. 2006 Sep 21;355(12):1222-32.
2 Schächinger V, Erbs S, Elsässer A, Haberbosch W, Hambrecht R, Hölschermann H, Yu J, Corti R, Mathey DG, Hamm CW, Süselbeck T, Assmus B, Tonn T, Dimmeler S, Zeiher AM, for the REPAIR-AMI investigators (2006). Intracoronary administration of bone marrow-derived progenitor cells in patients with acute myocardial infarction: the Reinfusion of Enriched Progenitor Cells And Infarct Remodeling in Acute Myocardial Infarction (REPAIR-AMI) trial. N Engl J Med. 2006 Sep 21;355(12):1210-21.
3 Assmus B, Fischer-Rasokat U, Honold J, Seeger FH, Fichtlscherer S, Tonn T, Seifried E, Schächinger V, Dimmeler S, Zeiher AM (2007). Transcoronary Transplantation of Functionally Competent BMCs Is Associated With a Decrease in Natriuretic Peptide Serum Levels and Improved Survival of Patients With Chronic Postinfarction Heart Failure. Results of the TOPCARE-CHD Registry. Circ Res. 2007;100(8):1234-41.
4 Assmus B, Schächinger V, Zeiher AM (2006). Regenerative Therapien in der Kardiologie: Wie weit entfernt von der Praxis? Internist (Berl). 2006 Nov;47(11):1177-1182.
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GLOSSAR
Ballonkatheter
Instrument, um durch Ablagerung verstopfte Adern wieder durchlässig zu machen; mit einem Katheter wird ein winziger Ballon in das verengte Gefäß eingeführt, mit hohem Druck kurz aufgeblasen und wieder entleert. Die Ader wird erweitert und die Ablagerung an die Gefäßwand gepresst.
Blutkörperchen
Bestandteile des Blutes: Weiße Blutkörperchen spielen eine wichtige Rolle im Immunsystem, rote Blutkörperchen (Erythrozyten) transportieren den Sauerstoff, Blutplättchen (Thrombozyten) lassen das Blut gerinnen und verschließen Wunden.
Herzinfarkt (akuter Myokardinfarkt)
Plötzliche und lebensbedrohliche Erkrankung des Herzens, bei der wegen einer Durchblutungsstörung Teile des Herzmuskels absterben
Herzinsuffizienz
Funktionsstörung des Herzens, bei der das Blut nicht mehr in ausreichenden Mengen in den Körper gepumpt wird. Kreislaufversagen kann dann die Folge sein. Unter anderem ist die ausreichende Durchblutung der anderen Organe gefährdet.
Herzkatheter
Instrument zur Untersuchung des Herzens und der Herzkranzgefäße; über eine Einstichstelle in der Ellenbogen- oder der Leistengegend wird ein dünner biegsamer Plastikschlauch in die Herzkranzgefäße eingeführt. Durch den Schlauch spritzt man Röntgen-Kontrastmittel ein, sodass Gefäßstrukturen auf einem Röntgenbild sichtbar werden.
Herzkranzgefäße (Koronararterien)
Arterien, die auf der Oberfläche des Herzens angeordnet sind und den Herzmuskel mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen
Knochenmark
Wichtigstes blutbildendes Organ des Menschen; befindet sich in den Hohlräumen der Knochen und bildet fast alle Blutzellarten
Kontrastmittel
Stoffe, die die Darstellung von Strukturen und Funktionen des Körpers in bildgebenden Verfahren, wie zum Beispiel dem Röntgen, verbessern
Stammzellen
Körperzellen, die sich zu verschiedenen Zelltypen oder zu Gewebe entwickeln können; embryonale Stammzellen kommen nur im frühen Embryo vor und können jegliche Art von Gewebe bilden; adulte Stammzellen sind im Körper nach der Geburt (besonders im Knochenmark, aber auch in Fettgewebe, Gehirn, Leber, Bauchspeicheldrüse oder Nabelschnur, dort: fetale Stammzellen) vorhanden und können sich nur noch in etwa
20 verschiedene Gewebearten entwickeln.









