Fettstoffwechselstörungen: das unterschätzte Risiko
Sind Fettstoffwechselstörungen überhaupt eine Krankheit? Mancher Betroffene mag Zweifel haben, denn ein erhöhter Cholesterinspiegel verursacht keine Beschwerden. Bei Frauen und Männern, die nur selten zum Arzt gehen, bleiben Fettstoffwechselstörungen sogar oft jahrelang unerkannt. Diagnostiziert werden sie in diesen Fällen erst, wenn bereits Spätfolgen eingetreten sind: etwa ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall. Dabei ist die Messung des Cholesterinspiegels kostenfrei für alle Krankenversicherten ab 35 im Rahmen des zweijährigen Gesundheitscheckups.
Inhaltsverzeichnis

Immer mit im Spiel: Die Gene bestimmen zu einem großen Teil das Ausmaß der Fettstoffwechselstörung.
In den meisten Fällen sind hohe Blutfettwerte durch ein Zusammenspiel von zwei Faktoren bedingt: durch einen ungesunden Lebensstil (fettreiches Essen, wenig Bewegung) und zusätzlich durch eine familiäre Neigung zu Blutfetterhöhung. Experten nennen dies „familiäre Disposition“. Das bedeutet: Betroffene müssen nicht zwingend zu hohe Blutfette bekommen. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist höher als bei familiär unbelasteten Personen. Bei diesen Menschen wirkt sich also zu kalorien- und fettreiches Essen (und Trinken!) sowie Bewegungsmangel besonders fatal aus.
In manchen (selteneren) Fällen ist die Fettstoffwechselstörung rein erblich bedingt. Bei diesen Menschen kann auch eine noch so gesunde Ernährung mit viel Bewegung zu hohe Blutfettwerte letztlich nicht verhindern, da es sich um einen Stoffwechseldefekt handelt. Besonders ausgeprägte Formen dieser erblichen Stoffwechselstörung zeichnen sich durch extrem hohe Cholesterinwerte über 500 mg/dl aus (idealerweise sollte dieser Wert unter 200 mg/dl liegen).
Bei einer erblich bedingten Störung treten manchmal Symptome auf. Die auffälligsten sind sogenannte Xanthome, gelb gefärbte Polster unter der Haut. Sie bilden sich häufig an den Augenlidern, am Gesäß, an den Gelenken und an den Strecksehnen (Achilles- und Ellenbogensehnen). Diese Polster bestehen aus Cholesterinablagerungen, also überschüssigen Fetten unter der Hautoberfläche. Sie sind schmerz- und harmlos, weisen aber auf eine schwerwiegende Störung im Körper hin, die behandelt werden sollte. Oft bilden sich diese störenden Hautwucherungen bei einer Senkung des Cholesterins von selbst wieder zurück; auch eine chirurgische Entfernung ist möglich.
Ein weiterer Hinweis auf die erbliche Variante der Hypercholesterinämie sind weißliche Ablagerungen in der Hornhaut des Auges, die als Ring um die Iris sichtbar werden. Auch hier sind Fetteinlagerungen die Ursache. Bei alten Menschen tritt dieser Trübungsring häufig auf und ist harmlos, bei jüngeren Menschen sollte aber unbedingt die Ursache geklärt werden. Meist steckt nämlich eine Fettstoffwechselstörung dahinter.
Diagnose: Blutfettwerte sind nur ein Puzzlestein
Die Diagnose von Fettstoffwechselstörungen ist für den Patienten recht unkompliziert. Zunächst fragt der Arzt den Patienten nach seiner Krankengeschichte und der seiner Familie (Eigen- und Familienanamnese). Damit wird das persönliche Risiko für Fettstoffwechselstörungen und ihre Folgekrankheiten ermittelt. Außerdem fließen Alter und Geschlecht sowie andere Risikofaktoren – wie erhöhter Blutzucker, erhöhter Blutdruck, Rauchen und Übergewicht – mit in das Risikoprofil ein.
Die Bestimmung des Gesamtrisikos für Folgekrankheiten hoher Blutfette (wie Herzinfarkt oder Schlaganfall) ähnelt also dem Zusammenfügen eines Puzzles. Die Messung von Cholesterin oder der anderen Blutfette allein sagt noch nicht viel aus. Erst im Zusammenhang mit den Lebensgewohnheiten, mit der persönlichen und familiären Krankheits-Vorgeschichte und mit anderen Stoffwechselwerten wie Blutzucker ergibt sich ein Gesamtbild. Dieses fertig zusammengesetzte Puzzle erlaubt nicht nur eine Aussage darüber, ob der Untersuchte in (vielleicht bislang unerkannter) Gefahr schwebt. Es stellt auch die Weichen dafür, welche Therapiemaßnahmen und welche Kontrolluntersuchungen sinnvoll und nötig sind.
Dennoch ist die Messung der verschiedenen Fette, die im Blut ja an Transporteiweiße (Lipoproteine) gebunden sind, die Grundlage der Diagnostik.

Nur mit Hilfe einer Blutbrobe lassen sich erhöhte Cholesterinwerte bestimmen.
Im Nüchternblut können die unterschiedlichen Lipoproteine am besten gemessen werden: Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin und die Triglyzeride. Für die richtige Diagnosestellung ist es wichtig, dass wirklich alle Fettwerte gemessen werden. Der Gesamt-Cholesterinwert allein ist nämlich wenig aussagekräftig, da er das Verhältnis von „gutem“ zu „schlechtem“ Cholesterin (d.h. von HDL- zu LDL-Cholesterin) nicht beschreibt.
Neben den Blutfettwerten sollte auch der Blutzucker gemessen werden, da Fettstoffwechselstörungen häufig zusammen mit Diabetes auftreten. Auch eine Kontrolle der Schilddrüsenhormone gehört zur Diagnostik, da gelegentlich eine Schilddrüsenunterfunktion den Fettstoffwechselstörungen zugrunde liegt.
Vor der Blutabnahme sollte der Patient mindestens zwölf Stunden nüchtern sein, also nichts gegessen oder kalorienhaltiges getrunken haben.
Individuell verschieden: Die idealen Werte für Cholesterin
Wie hoch dürfen die Werte für Blutfette bzw. das Cholesterin liegen? Die Zielwerte für die einzelnen Blutfette ermittelt der Arzt für jeden Patienten individuell, abhängig von weiteren Risikofaktoren.
Dazu zählen: frühzeitige koronare Herzkrankheit bei nahen Verwandten, Rauchen, Bluthochdruck, ein HDL-Cholesterinwert unter 40 Milligramm pro Deziliter sowie ein Alter über 45 Jahre bei Männern und ein Alter über 55 Jahre bei Frauen.
Abhängig vom individuellen Risikoprofil gibt es Orientierungswerte, die eine generelle Einschätzung erlauben.
Richtwerte für die Höhe der Blutfette1:
Erwachsene | |
|---|---|
Blutfett | mg/dl Mmol/l |
Gesamtcholesterin | < 200 < 5,16 |
LDL (kein bzw. ein Risikofaktor) | < 160 < 4,13 |
LDL (zwei o. mehr Risikofaktoren) | < 130 < 3,35 |
LDL (bei koronarer Herzkrankheit oder Diabetes) | < 100 < 2,58 |
LDL (bei koronarer Herzkrankheit und Diabetes) | < 70 < 1,8 |
HDL | > 40 < 1,03 |
Triglyceride | < 150 < 3,87 |
Bei einem Gesamtcholesterinwert unter 200 Milligramm pro Deziliter (oder 5,16 Mmol pro Liter) hat der Patient einen gut funktionierenden Fettstoffwechsel. Erst bei der nächsten Routineuntersuchung ist eine neue Kontrolle der Blutwerte nötig.
Anders liegt der Fall, wenn das Gesamtcholesterin einen Wert über 200 Milligramm pro Deziliter hat. Dann wird der Arzt die Werte genauer unter die Lupe nehmen und sich den LDL-Cholesterinwert anschauen.
Ein LDL-Wert unter 160 Milligramm pro Deziliter gilt für die Personen, bei denen keiner oder nur einer der oben genannten Risikofaktoren zutrifft. Bei einem höheren Wert sollte das LDL-Cholesterin auf weniger als 160 mg/dl gesenkt werden. Andernfalls droht Arteriosklerose mit ihren gefürchteten Folgen.
Personen, die zwei oder mehr dieser Risikofaktoren haben, sollten ihren LDL-Wert unter 130 mg/dl halten.
Bei Patienten mit einem hohen Risikoprofil, das heißt bei Personen, die bereits eine Herzerkrankung oder Diabetes haben, ist eine Senkung des LDL-Cholesterins unter 100 erforderlich. Besonders aufpassen sollten Patienten, die sowohl an einer Herzerkrankung als auch an Diabetes leiden: Hier ist ein Cholesterinzielwert unter 70 mg/dl anzustreben.
Andere Fettstoffwechselstörungen ausschließen
Es gibt Fettstoffwechselstörungen, bei denen nur eine Art Blutfett erhöht ist. Wenn nur das Cholesterin angestiegen ist, sprechen Mediziner von einer Hypercholesterinämie. Es können aber auch nur die Triglyzeride erhöht sein.
Von einer Hypertriglyceridämie sprechen Mediziner, wenn der Triglyzeridspiegel zu hoch ist. Je nachdem wie die Werte liegen, unterscheiden sie eine leichte und eine schwere Form der Krankheit. Bei Werten über 150 mg/dl, gleichzeitig vermindertem HDL und einem normalen Gesamtcholesterinspiegel wird eine Behandlung empfohlen. Gefährlich wird es bei Triglyceridwerten über 1.000 mg/dl. Normalerweise begleiten solche hohen Werte andere ernsthafte Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Alkoholismus. Erst wenn diese zuverlässig ausgeschlossen werden können, kann von einer isolierten schweren Triglyceridämie gesprochen werden.
Gefäß-Ultraschall und Blutdruckmessung

Ob Arteriosklerose in gefährlichem Ausmaß vorliegt, erfährt der Arzt bei der Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader.
Weitere Untersuchungen sind wichtig, um eine bestehende Arteriosklerose zu erkennen. Dazu zählen das Abhören der Herztöne, das Fühlen des Pulses an Armen und Beinen sowie die Messung des Blutdruckunterschieds an beiden Armen und Beinen, dem sogenannten Knöchel-Arm-Index. Wichtige Hinweise auf verengte Gefäße gibt auch die Doppler-Sonografie, das ist eine spezielle Ultraschalluntersuchung, die vor allem im Bereich der Halsschlagadern eingesetzt wird. Diese Untersuchung gibt Hinweise darauf, ob und bis zu welchem Grad sich eine Arteriosklerose entwickelt hat.
Als besonders aussagekräftig für die frühzeitige Diagnose einer Gefäßverkalkung gilt eine Ultraschalluntersuchung, bei der präzise die Wanddicke verschiedener Schichten der Halsschlagader(n) bestimmt wird. Experten sprechen im Fachjargon von einer „Intima-Media-Wanddickemessung“.
Selbstverständlich muss der Arzt auch den Blutdruck messen. Sollte der Patient unter Bluthochdruck leiden – und damit ein höheres Herzinfarktrisiko und besonders ein stark erhöhtes Schlaganfallrisiko haben –, ist auch ein Ultraschall der Nierenarterien angezeigt. So lässt sich feststellen, ob durch den erhöhten Druck die Nierengefäße bereits geschädigt sind.
Behandlung vom Fachmann
Wer unter Fettstoffwechselstörungen leidet, sollte sich seinen Arzt mit Bedacht aussuchen: Erhöhte Blutfettwerte sind eine Stoffwechselstörung, die das gesamte Gefäßsystem betrifft. Sie können deshalb Ursache für scheinbar unterschiedliche Krankheiten wie die koronare Herzkrankheit und die Schaufensterkrankheit sein, in manchen Fällen führen sie auch zu einem Schlaganfall.
Ein Arzt ist in Sachen Fettstoffwechselstörung kompetent, wenn er:
- Patienten mit Fettstoffwechselstörungen darüber aufklärt, wie wichtig eine Lebensstiländerung ist und Anregungen für eine gesündere Lebensweise gibt
- regelmäßig – bei Einnahme von Tabletten einmal im Quartal – die Blutfettwerte kontrolliert
- Triglyzeride, LDL- und HDL-Cholesterin sowie evtl. weitere Fettwerte kontrolliert und nicht nur das Gesamtcholesterin
- bei Tabletteneinnahme die Wirkung und Nebenwirkungen genau erklärt und beobachtet
- weitere Risikofaktoren für die Arteriosklerose im Blick behält, insbesondere Diabetes und Bluthochdruck. Das bedeutet bei jedem Besuch des Patienten: Blutdruck messen und Blutzucker kontrollieren
- bei nachgewiesener Arteriosklerose einmal im Jahr ein Belastungs-EKG vornimmt sowie eine Ultraschalluntersuchung der Halsgefäße und eventuell auch der Bein- und Nierenarterien
1Grundy S. M. et al (2004): Implications of Recent Clinical Trials for the National Cholesterol Education Program Adult Treatment Panel III Guidelines. Circulation, 110(2): 227–239.
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Glossar
Cholesterin
Gruppe innerhalb der Blutfette. Cholesterine werden sowohl mit der Nahrung aufgenommen als auch im Körper gebildet. Diese Fette werden für den Transport im Körper an bestimmte Eiweiße gebunden, diese Verbindungen bezeichnet man dann als Lipoproteine. LDL-Cholesterin ist das sogenannte „schlechte Cholesterin“, weil es sich bei erhöhtem Cholesteringehalt im Blut an den Innenschichten der Gefäße ablagert. HDL-Cholesterin schützt die Gefäße vor Fettablagerungen und wird daher das „gute Cholesterin“ genannt.
Doppler-Sonografie
Untersuchungsmethode, die mittels Ultraschall den Blutfluss in Gefäßen oder zum Beispiel am Herzen sichtbar macht; so lassen sich Durchblutungsstörungen erkennen.
HDL (High Density Lipoprotein)
Lipoprotein mit hoher Dichte. Seine Aufgabe ist der Rücktransport von überschüssigem Cholesterin aus den Körperzellen zur Leber. Es kann auch Cholesterinablagerungen an den Arterienwänden abtransportieren, was der Arteriosklerose entgegenwirkt. Sein Wert im Blut sollte über 40 mg/dl betragen.
Hypertriglyceridämie
Erhöhung der Triglyceridwerte im Blut. Triglyceride scheinen auch an dem arteriosklerotischen Prozess beteiligt zu sein. Bei Werten über 150 mg/dl wird eine Behandlung empfohlen.
Knöchel-Arm-Index
Messung des Blutdrucks an beiden Armen und Beinen. Diese Untersuchung dient zur Abschätzung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und wird oft zusammen mit einer Dopplersonografie eingesetzt.
LDL (Low Density Lipoprotein)
Ein Lipoprotein mit niedriger Dichte. Es transportiert Cholesterin von der Leber zu den Körperzellen. Bei einem Überschuss an LDL-Cholesterin im Blut lagern sich die Fette an den Gefäßwänden ab (Beginn der Arteriosklerose). Abhängig vom individuellen Gesundheitszustand sollte der LDL-Wert im Blut zwischen 70 und 160 mg/dl betragen.
Lipoprotein
Damit Fette wie Cholesterin oder Triglyceride im Blut transportiert werden können, werden sie in Eiweißhüllen verpackt. Die Verbindung aus einem Eiweiß mit einem Fettteilchen wird Lipoprotein genannt.
Xanthome
Bei einer familiär bedingten Störung treten manchmal sogenannte Xanthome auf. Das sind gelb farbene Polster unter der Haut an den Augenlidern, am Gesäß, an den Gelenken und an den Strecksehnen (Achilles- und Ellenbogensehnen). Sie bestehen aus Cholesterinablagerungen und weisen auf eine ernst zu nehmende Störung des Fettstoffwechsels hin.








